Eine neue Kandidatenblase?

Als Martin Schulz 2017 zum Kanzlerkandidaten der SPD gekürt wurde, war die Freude groß. Dass wird einen Aufschwung geben für unsere Partei! Die SPD erlebte einen Ansturm an neuen Mitgliedern, und die Presse war außer sich ob des neuen Schwunges, welcher sich der altgedienten Arbeiterpartei bemächtigte.

Jedoch, es stellte sich als kurzer Traum heraus, der bald sein Ende finden sollte.

Statt eines neuen sozialdemokratischen Zeitalters verhedderte sich Schulz im Wahlkampf zwischen den verschiedenen Positionen und konnte keine klare Linie zum Ausdruck bringen. Die politisch-ideologische Substanz der Partei hat einfach nicht mehr ausgereicht, um noch die breiten Massen von einst erreichen zu können. Da half dann auch kein vermeintlicher Retter mehr, und die Partei erhielt bei den Bundestagswahlen schließlich ihr schlechtestes Ergebnis seit Entstehung der Bundesrepublik.

Die Grünen von heute stehen gänzlich anders da als die SPD von damals.

Seit Jahren im Aufwind, das vermeintlich progressive, moderne Äquivalent zur konservativen, altbackenen CDU, repräsentiert wohl keine andere Partei des Landes in einem solchen Umfang den heutigen Zeitgeist. Klima, Flüchtlinge, sozial. Dass die Partei nun erstmals einen Kanzlerkandidaten stellt, ist dabei nur folgerichtig.

Hier allerdings scheint der Ablauf in verblüffender Weise ähnlich zu sein wie jener von Schulz vier Jahre zuvor. Dass aus dem Spitzenduo Habeck/Baerbock der zukünftige Kanzlerkandidat der Grünen stammen würde, das stand schon lange fest. Dass es schließlich Baerbock geworden ist, war keine große Überraschung. Dennoch hat ein Großteil der Mainstreammedien unmittelbar nach der Bekanntgabe begonnen, Baerbock in einer ähnlichen Weise hochzuloben, wie Schulz zuvor. Sie galt als beinahe unantastbare Kandidatin und würde es sicher schaffen, der CDU nach 16 Jahren wieder das Kanzleramt zu stehlen.

Mittlerweile jedoch kommen ihre Schwächen immer mehr zum Vorschein, und es ist zunehmend fraglich, ob sie, Zeitgeist hin, Aufbruch her, wirklich in der Lage sein wird, in den Wahlen ein überragendes Ergebnis ihrer Partei zu ermöglichen.

Zunächst einmal sollte betont werden, dass Baerbock in ihrem Leben noch keine Regierungsverantwortung übernehmen musste. Weder als Ministerin, noch als Bürgermeisterin, geschweige denn als Ministerpräsidentin eines Landes war sie je in einer solchen Position, ebenso wenig wie auf einem verantwortungsvollen Posten in der freien Wirtschaft. Verglichen mit den anderen Kanzlerkandidaten oder beinahe-Kandidaten ist dies ein schwerer Defizit. Die Rhetorik, sie würde dafür etwas Neues repräsentieren und hätte schließlich auch „Realitätserfahrung“, wirkt dabei zusehends lächerlich.

Den zweiten Dämpfer setzte es bei einem Fernsehinterview, in welchem es auch um die Frage ging, inwiefern die Tatsache, dass sie eine Frau ist, bei der Entscheidung zur Kandidatenwahl ausschlaggebend war. Sie schaffte es dabei nicht, glaubhaft den Eindruck zu vermitteln, dass etwas anderes als ihr Geschlecht ihren Vorzug vor Habeck begründet hat, schließlich war sie auch nach wiederholter Nachfrage nicht in der Lage, ein anderes Argument für sie und gegen Habeck zu nennen. Da es ihr, wie gesagt, auch an jeglichem Nachweis zur Kanzlertauglichkeit mangelt, dürfte dieser Makel den gesamten Wahlkampf hindurch bestehen bleiben.

Den bisher größten Schaden anrichten werden jedoch die neuen Erkenntnisse bezüglich ihrer Universitätslaufbahn. Hatte sie bisher stets angegeben, sie hätte einen Bachelor in Politikwissenschaften und öffentlichem Recht, so scheint sie lediglich über ein Vordiplom in politischer Wissenschaft zu verfügen. Auch der Ausdruck „Völkerrechtlerin“, mit welchem sie sich selbst betitelt, ist weit überzogen nach einem einjährigen Studium ohne juristisches Diplom und könnte ihr noch auf die Füße fallen. Es gibt genügend Politiker, die über eine solche Verdrehung schon gestürzt sind, und auch für Baerbock und ihre Kampagne wird dies noch Schäden anrichten.

Das eigentlich merkwürdige an der ganzen Affäre ist aber etwas anderes. Während die SPD 2017 nämlich über große inhaltliche Schwächen und eine geringe Glaubwürdigkeit verfügte, schaffte Martin Schulz, immerhin ein gestandener politischer Akteur mit internationaler Erfahrung, diesen Umstand für eine kurze Zeit zu überspielen und seiner Partei damit kurzweilige Erfolge zu sichern. Die Grünen hingegen sind die Partei der Stunde, durch die Fridays for Future Bewegung erscheinen sie als eine moralisch Instanz und über genügend Regierungserfahrung in den Landesparlamenten verfügen sie auch. Warum also geben sie ihre Substanz so leichtfertig auf mit einer Person, welche, sein wir ehrlich, nichts vorzuweisen hat? Umso mehr, als sie mit Robert Habeck einen erfahrenen Politiker mit akademischer Karriere hätten wählen können.

Den Grünen lastet oft das Image an, sie hätten zwar häufig gute Umfragewerte, würden an der Wahlurne jedoch regelmäßig scheitern. Und auch heute scheint es, als hätten sie auf den letzten Metern ihre Pole Position wieder aus der Hand gegeben.

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