Eskalation in Israel – eine Selbstbetrachtung

Die Situation in Israel ist, wie Sie bestimmt bemerkt haben, derzeit ausgesprochen explosiv. Die Hamas schießt Raketen auf israelisches Gebiet, die israelische Luftwaffe bombardiert Häuser im Gazastreifen, und die jüdisch-israelische und arabisch-israelische Bevölkerung des Landes geht immer häufiger aufeinander los.

Was mich wirklich beeindruckt an dieser Entwicklung ist die Plötzlichkeit, mit welcher sie aufgetreten ist. Plötzlich, weil die Auseinandersetzungen um den Hausbesitz in Ostjerusalem innerhalb weniger Tage zu einer bürgerkriegsähnlichen Situation im Land führen konnten. Und weil es scheinbar niemanden gegeben hat, der dies vor Kurzem noch für möglich hielt. Ich zumindest habe es nicht. Doch wie konnte das möglich sein? Sicher, ich bin kein ausgewiesener Experte für Israel und Palästina, und solche Konflikte haben nun einmal die Angewohnheit, ziemlich schnell aus kleineren Anlässen heraus zu eskalieren. Dennoch, wer es sich zum Ziel gesetzt hat, die Politik der Region zu verstehen, muss sich hinterfragen, sollte er sich derart überraschen lassen. Wie also konnte das passieren?

Um diesem Problem auf die Spur zu kommen, versuche ich, drei Fragen zu beantworten:

1. Wie habe ich zuvor über den Konflikt gedacht?

2. Warum habe ich so darüber nachgedacht?

3. Welche Lehren ziehe ich aus dem Ereignis?

1. Wie habe ich zuvor über den Konflikt nachgedacht?

Ich war nie der Meinung, dass es wirklich eine Lösung geben wird für das Nahostproblem. Nicht in dem Sinne jedenfalls, wie ihn Europäer oder Amerikaner verstehen. Sowohl die Zweistaatenlösung als auch die Einstaatenlösung hielt und halte ich weiterhin auf lange Sicht für unrealistisch. Auch sogenannte Drei- oder Vierstaatenlösungen unter Einbeziehung von Jordanien und Ägypten würden die Kernprobleme nicht verschwinden lassen. Ich glaube, dass der Konflikt in erster Linie als ein permanentes Ringen um Macht darstellt, in welchem jede Seite eine Schwächephase des Gegners auszunutzen versucht. Soweit hat sich an meiner Sicht auch nichts verändert.

Jedoch habe ich die Verhältnisse, insbesondere in der israelischen Gesellschaft selbst, falsch eingeschätzt. Ich habe dabei

1. den Grad an Wut und wohl auch Verzweiflung auf Seiten der Palästinenser unterschätzt

2. die Stärke des israelischen Staates und

3. die Geschlossenheit der israelischen Gesellschaft überschätzt

Dass die Palästinenser im Westjordanland und Gazastreifen unglücklich sind, war mir zwar bewusst, jedoch hätte ich nicht in so kurzer Zeit mit einem solchen Ausbruch dieser Emotionen gerechnet. Israel gehört in vielerlei Hinsicht zu den fortschrittlichsten Staaten im gesamten Nahen Osten, und obwohl sie immer um das Thema Sicherheit besorgt sein müssen, überrascht mich dieser teilweise Kontrollverlust in Jerusalem, in der Nähe zum Gazastreifen und auch in den Innenteilen des Landes sehr. Völlig blind hingegen war ich für die Spannungen zwischen der arabischen und jüdischen Israelis. Dass auch die arabischen Israelis oft benachteiligt werden war kein Geheimnis, und im Hinterkopf war auch immer der Gedanke, die könnten doch eines Tages miteinander kämpfen. Dies war jedoch sehr, sehr weit im Hinterkopf und ich hätte nicht annähernd erwartet, dass dies so schnell in eine bürgerkriegsähnliche Situation ausarten würde.

2. Warum habe ich so darüber nachgedacht?

Obwohl mir die tiefsitzende Wut vieler Palästinenser bewusst war, und obwohl recht häufig Gewaltausbrüche stattfinden, hatte ich irgendwie das Gefühl, die großen Auseinandersetzungen zwischen den Palästinensern und dem israelischen Staat seien für den Moment vorbei. Dies liegt wohl zum einen an meiner persönlichen Erinnerung, schließlich waren die größten Konflikte im Heiligen Land, gemessen an reinen Todeszahlen, vor meiner Geburt bzw. vor meinem Bewusstsein für diese Probleme. Auch die Tatsache, dass in den letzten Jahren eine Reihe, für die Palästinenser demütigende Entwicklungen stattgefunden haben, ohne dass es zu großen Konflikten kam, hat bei meiner Einschätzung eine Rolle gespielt. Dies hat auch mit meiner zweiten Fehleinschätzung zu tun, der Überschätzung des israelischen Staates. Obwohl Israel seit 2 ½ Jahren von Wahl zu Wahl angelt, ohne eine langfristige Regierung bilden zu können, erschien der Staat als der vielleicht stabilste in der Region. Und vielleicht ist er das immer noch. Aber dabei habe ich den Umstand, dass dies hauptsächlich durch die umfangreiche Stützung der US-Regierung unter Trump geschehen konnte, zuwenig beachtet. Neben den Problemen bei der Regierungsbildung hat der Amtsantritt Joe Bidens Israel nämlich relativ stark zugesetzt, möchten die USA jetzt schließlich die Verhandlungen mit dem Iran wieder zu einem erfolgreichen Abschluss bringen, wird der linke, Israel-kritische Flügel der Demokraten immer stärker und ist auch das US-Saudische Verhältnis längst nicht mehr so gut wie zuvor. Von den persönlichen Differenzen zwischen Netanjahu und Biden ganz zu schweigen. Aber, wie konnte ich das übersehen? Ich muss gestehen, nachdem ich jahrelang gehört hatte, dass der Nahostkonflikt die Ursache allen Übels in der Region darstellte und letztlich alles damit steht und fällt, war es eine gewisse, rein intellektuell betrachtet, Befreiung, als in den letzten Jahren klar wurde, dass auch andere Großmächte gegeneinander antreten, namentlich Saudi-Arabien und der Iran, ganz ohne Israel als Auslöser. Und dass Israel schließlich das Verhältnis zu so vielen arabischen Staaten verbessern konnte, hielt ich für den Beleg, dass der Nahostkonflikt in seiner Bedeutung maßlos überschätzt wurde und Israel ein stabiles land in einer unruhigen Region darstellt. Dies war wohl auch das Ziel dieser Rhetorik aus dem rechten Lager Israels und der USA. So hielt ich das Problem für ähnlich sekundär, wie dies bisher auch die US-Regierung tat. Ein gutes Beispiel dafür, wie gefährlich eine Umdeutung der politischen Verhältnisse sein kann, wenn sie lediglich auf Basis kurzfristiger Überlegenheit beruht.

Dass ich die Spannungen zwischen den arabischen und jüdischen Israelis dermaßen unterschätzen konnte liegt erstens daran, dass niemand, den ich zuvor gelesen hatte, vor dieser kurzfristigen Eskalation gewarnt hat, was wohl auch mit der Berichterstattung über die arabischen Israelis zu tun hatte, und zweitens daran, dass ich diesen gedanklichen Schritt nicht selbst gegangen bin. Warum nicht? Ich weiß es nicht. Einen Schritt voraus zu denken klingt immer wie ein guter Ratschlag, ist jedoch unglaublich schwierig, da man naturgemäß bei einem solchen Unterfangen nicht auf vorhandene Tatsachen zurückgreifen kann, sondern über das hinaus denken muss, was in dem Moment die Realität darstellt. Vielleicht sollte man darüber noch etwas genauer nachdenken, für den Augenblick muss das erstmal stehen bleiben.

3. Welche Lehren ziehe ich aus dem Ereignis?

Wie immer, wenn die Erwartungen mit dem Ergebnis nicht übereinstimmen, sollte man schauen, woher diese Erwartungen stammen. In diesem Fall heißt das genau zu schauen, wer zuvor in welcher Weise über Israel und Palästina berichtet hat. Dabei lässt sich dann erkennen, wer in etwa diesen Ereignisgang erwartet hat und wer, wie ich, von ihr überrascht worden ist. Idealerweise sollte jemand während der Amtszeit Trumps davon ausgegangen sein, dass in seiner Amtszeit keine große Konfrontation im Land stattfinden würde (was bei den meisten Kommentatoren das Gegenteil war, welche oft bereits vor vier Jahren eine neue Intifada an die Wand malten. Welche aber jetzt, mit Biden als den neuen Präsidenten, vor seiner solchen Eskalation gewarnt haben (was ebenfalls nicht viele waren, zumindest nicht aus dem Lager der liberalen Europäer). Dass ich mich an niemanden erinnern kann, welcher die inner israelischen Konflikte so schnell und dabei in solcher Schärfe erwartete, zeugt von der Komplexität des Problems. Aber auch, so ehrlich müssen wir sein, von unseren Problemen, die Welt noch zu verstehen.

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