Eine verstaubte Beziehung

Nach mehrjährigen Verhandlungen haben sich Deutschland und Namibia auf ein neues Abkommen einigen können. Darin erklärt sich Deutschland auch bereit, die Kriegshandlungen gegen die Völker der Herero und Nama in ihrer ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika als einen Völkermord anzuerkennen. Im Anschluss daran soll der deutsche Bundespräsident, derzeit Frank-Walter Steinmeier, in die namibische Hauptstadt Windhoek fliegen und sich offiziell entschuldigen. Angesichts dieser neuesten Entwicklungen lohnt es sich, die Beziehung zwischen diesen beiden Staaten, welche so viel Potenzial zu bieten hat, einmal näher zu betrachten.

1883 erwarb ein deutscher Tabakhändler weite Landstriche an der Küste des heutigen Namibia, und im Anschluss an dieses Unterfangen entwickelte sich innerhalb des Deutschen Reiches eine Eigendynamik, welche den Aufbau einer Kolonie in der Region einforderte. Unterstützt wurde dieses Projekt schließlich auch von Bismarck, welcher kolonialen Bestrebungen grundsätzlich skeptisch gegenüber stand und das Reich als „situiert“ betrachtete. 1884 wurde das heutige Namibia dennoch zum Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika, und dieser Zustand sollte bis 1915 anhalten. Damit war es eines der ersten Gebiete, welches das Deutsche Reich im Laufe des Ersten Weltkriegs verlieren sollte, wobei die meisten anderen Überseekolonien bis 1919 gehalten werden konnten.

Dennoch spielt die Herrschaft über Namibia in Deutschland eine größere Rolle als die anderen Kolonien, war es doch hier, wo die Truppen der Kolonialherren große Kriege führten mit den Herero und den Hama, welche schließlich im wohl ersten Völkermord des 20. Jahrhundert endeten. Seit Hannah Arendts einflussreichem Buch über die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ wird die deutsche Politik gegenüber diesen Völkern oft als eine Blaupause für das spätere Agieren der Nationalsozialisten interpretiert. Ohne in dieser Diskussion eine Stellung einnehmen zu wollen, zeigt sie doch die Belastungen, welche diesen bilateralen Beziehungen aufgezwungen werden.

Namibia hingegen hatte nicht viel Glück nach dem deutschen Abzug von 1915. Erobert wurde das Gebiet von der Südafrikanischen Union, einem britischen Dominion. 1961 erhielt jene Union als Republik Südafrika ihre Unabhängigkeit. Damit war Namibia auf Jahrzehnte den Gesetzen der Apartheid unterworfen, und das Land und insbesondere die mehrheitlich schwarze Bevölkerung waren nicht in der Lage, am wirtschaftlichen Fortschritt der Welt teilzuhaben. 1990 schließlich, wenige Monate vor der deutschen Wiedervereinigung, erlangte das Land nach über 100 Jahren Fremdherrschaft die Unabhängigkeit.

Durch diese Konstellationen waren über Jahrzehnte hinweg keine engen Beziehungen zwischen beiden Ländern möglich. Die BRD war auf Europa konzentriert und sah sich nicht im Stande, allzu weitgreifende geopolitische Projekte in Angriff zu nehmen. Und auch im Bereich der Aufarbeitung von begangenen Verbrechen standen zunächst die Völker Europas mit den Juden im Vordergrund. Namibia hingegen konnte gar keine eigenständige Außenpolitik betreiben und konzentrierte sich auf ihren Kampf um Unabhängigkeit, welchen sie, auch immer wieder von Angola aus, gegen die Truppen der Republik Südafrika auf sich nahmen.

Ab 1990 jedoch änderten die Bedingungen sich schlagartig.

Deutschland wurde nach der Wiedervereinigung zum mit Abstand größten Land der Europäischen Union und Kraftzentrum des ganzen Kontinents. Durch den nuklearen Schutzschild der Vereinigten Staaten und die Mitgliedschaft im Militärbund NATO war die sicherheitspolitische Lage vollkommen gesichert, durch den Euro erhielt das Land auch in der Weltwirtschaft einen neuen Einfluss. Namibia hingegen konnte sich dem Aufbau eines eigenen Staates widmen, befreit von den Herren der Vergangenheit. Heute ist das Land eines der stabilsten im gesamten südlichen Afrika und erhielt im Demokratieindex des englischen Economist 2020 den Status einer unvollständigen Demokratie, es rangiert damit immerhin vor den EU-Mitgliedsstaaten Kroatien und Rumänien. Freedom House stuft das Land als frei ein. Leider hat es Namibia bisher nicht geschafft, in wirtschaftlichen Bereichen einen ähnlichen Aufstieg hinzulegen. Die Wettbewerbsfähigkeit ist im globalen Maßstab nicht sehr hoch entwickelt, wenn auch deutlich über dem afrikanischen Durchschnitt. Die Arbeitslosigkeit lag vor der Pandemie schon bei über 30% (2018), ein erheblicher Teil der Bevölkerung lebt immer noch in Armut und HIV ist nach wie vor ein Hemmnis für weiteren Fortschritt.

Könnte an dieser Stelle ein sinnvoller Anknüpfungspunkt bestehen zwischen der BRD und Namibia? Ein Anfang dafür ist bereits gemacht worden. 1996 regte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl die Gründung einer Organisation an, welche die deutsche Wirtschaft auf Subsahara-Afrika aufmerksam machen und bei den Planungen der deutschen Außenwirtschaft verankern sollte. Bei einer Konferenz in Winhoek wurde 1998 schließlich die Südliches Afrika Initiative (Safri) gegründet. Allerdings ist der Handel zwischen Deutschland und Namibia bis heute so gering – Namibia steht auf Platz 113 der wichtigsten deutschen Handelspartner nach Gesamtvolumen – dass eine Koordination von Windhoek aus nicht realistisch erscheint. Insbesondere der Handel zwischen Deutschland und Südafrika ist um ein Vielfaches höher.

Wenn man jedoch etwas weniger ausschweifend auf das Thema schaut und sich nur auf Namibia konzentriert, erscheint ein anderes Bild. Nach wie vor gibt es viele Menschen in dem Land, welche die deutsche Sprache beherrschen. Die bereits erwähnten Vorzüge im Bereich der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Freiheiten sind ebenfalls recht ansprechend. Für eine Zusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft spricht ebenfalls die Zeitzone, welche auf dem selben Grad zu suchen ist wie jene Großbritanniens, also nur eine Stunde entfernt von der mitteleuropäischen. Statt also, wie bisher, Entwicklungshilfen in jährlichen Milliardenhöhen zu verschwenden, welche ohnehin zumeist nicht dazu beitragen, die Eigenständigkeit der betroffenen Gebiete zu erhöhen, könnte man hier eine neue Form der Kooperation erproben. Wenn deutsche Firmen in Namibia investieren, Deutschland zudem die Infrastruktur des Landes systematisch ausbaut, Namibier in Deutschland leicht studieren können, kann man eine weiter gefasste Zusammenarbeit in Betracht ziehen. Heutzutage stehen die großen Firmen, und nicht einmal die Global Players, nicht mehr an der ersten Front in Fragen der Vernetzung in globalem Maßstab. Die Staaten sind als Organisationsform in den letzten Jahren wieder deutlich mächtiger geworden und es wäre töricht zu glauben, dass „der Markt“, und dies gilt noch viel mehr in der Außenwirtschaft eines Landes, in der Lage wäre, solche Fragen von strategischer Bedeutung selbst mit einem annehmbaren Resultat zu klären. Der deutsche Staat muss hier die Möglichkeiten, mitunter auch einfach nur Gelegenheiten schaffen, um diesem Ziel ein Stück weit näher zu kommen.

Es ist im Interesse Namibias, mit Partnern zusammen zu arbeiten, welche ihrem Land den meisten Wohlstand bringen. Deutschland kann so ein Partner sein, muss dafür jedoch auch in einen Wettbewerb eintreten mit Kontrahenten wie China oder Russland. Dafür sollte es seine Kräfte bündeln auf eine kleinere, ausgewählte Zahl an Ländern, welche auch für Deutschlands Interessen vorteilhaft sind. Namibia könnte ein eben solches sein. Hoffen wir, dass man es nicht bei einer einfachen Entschuldigung belässt in Windhoek, sondern dass der Anfang eines neuen Kapitels zwischen Namibia und Deutschland angestoßen wird.

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