Die neue Barbarei

Zwei Entwicklungen beschädigen den Westen derzeit in seinen gesellschaftlichen und moralischen Grundfesten. Die erste besteht in der liberalen Marktgläubigkeit der Konservativen, welche in den 80er Jahren von Großbritannien aus ihren Siegeszug über die westliche Welt und darüber hinaus antrat und allgemein als Neoliberalismus bezeichnet wird. Die zweite besteht in der Adaption eben dieses Weltbildes durch die politische Linke nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges. Sie übernahm die Grundzüge dieser Ideologie und verwendete sie anschließend nicht mehr auf dem Feld der Wirtschaft, sondern auf dem Feld der sozialen Fragen. Durch diese Vorgehensweise entstand eine verhängnisvolle Interessenkonvergenz, welche bis heute anhält und eine neue Ära der Barbarei einzuleiten droht.

Als Margaret Thatcher Ende der 70er zur Premierministerin von Großbritannien gewählt wurde, stellte ihre Politik eine sinnvolle Reaktion dar auf die stagnierende Wirkung des ökonomisch eher links geprägten Zeitgeistes jener Tage. Etwas später bediente sich in den USA Ronald Reagan dieser Politik, um Amerika „wieder groß zu machen“. Mag man dies für die ersten Jahre noch als einen Erfolg gesehen haben, so änderte sich die Situation nach dem Ende des Kalten Krieges auf dramatische Weise. Das moralische und argumentative Übergewicht dieser neoliberalen Logik wurde zusehends erdrückend, und die Wirtschaftspolitik in Zeiten der Globalisierung führte zu einem gnadenlosen Kampf um billige Arbeitskräfte und große Absatzmärkte.

Die Linke hingegen war kaum noch in der Lage, ernsthaft gegen diese Entwicklung vorzugehen und musste nach neuen Wegen suchen, wie sie damit umzugehen hatte. In dieser Phase konnte sich die moderne linksliberale Kultur inklusive ihrer Betonung biologischer Merkmale wie Hautfarbe, Geschlecht oder Sexualität durchsetzen. Interessant ist außerdem die überstarke Betonung der individuellen Entscheidungsfreiheit in allen Aspekten von privatem Belang. Das Geschlecht ist wählbar ohne irgendwelche Vorgaben durch die Biologie, die Ehe offen für alle möglichen Kombinationen, und Familien sind im besten Fall ein unlauterer Vorteil beim Kampf um die Karriere, im schlechtesten Fall ein patriarchischer Unterdrückungsapparat.

Bemerkenswert ist bei dieser Entwicklung die Ähnlichkeit zwischen der neoliberalen Auffassung der Wirtschaft und der linksliberalen Auffassung von menschlichen Beziehungen. Die Schlagwörter sind dabei austauschbar und können beinahe eins zu eins übernommen werden. Das Fehlen von Stabilität und die Abwesenheit ordnender Rahmenbedingungen wird umgedeutet zur Freiheit, alles tun zu dürfen, was man möchte. Und wenn eine Mittelstandsfirma nicht mehr mithalten kann im internationalen Konzert der Global Players, dann hat der Markt in seiner Weisheit dies eben so entschieden. Und wenn sich manch einer verloren fühlt in der Gesellschaft, welche keinen Halt mehr zu versprechen mag, so braucht es einfach etwas „Positive Thinking“ und das Thema erledigt sich dann bald von selbst.

Diese Aushöhlung der Fundamente unserer Gesellschaften hat uns schwer getroffen und es wird dauern, ehe diese wieder repariert sein werden. Dabei sind eine Reihe vormals wichtiger Institutionen zu Bruch gegangen. Die Kirche hat viel von ihrer integrativen Kraft eingebüßt, Vereine finden kaum noch Mitglieder, Bürgerinitiativen werden immer seltener, und selbst die Parteien schwanken nun von Wahl zu Wahl und müssen sich allerorts verschiedenster „Bewegungen“ erwehren. Erstaunlicherweise wurde bis zu Beginn der Corona-Pandemie hauptsächlich die Schwächung der Staaten prognostiziert, was angesichts der immer weiter ausartenden Bürokratie seltsam anmutet. Nein, am schlimmsten getroffen waren eben nicht die Staaten, und schon gar nicht überstaatlichen Institutionen wie die WTO oder die EU. Am schlimmsten getroffen hat es die Institutionen, die zwischen dem Staat und seinen Bürgern stehen. Institutionen, welche die Gesellschaft formen und zusammenhalten, sie organisieren und eine Ethik vermitteln.

Eine Gesellschaft ohne einen moralischen, ethischen und spirituellen Überbau wird schließlich der Barbarei verfallen, in welchem die vormaligen überindividuellen Instanzen zerbrechen und der Mensch auf sich allein gestellt sein muss. Derzeit bewegt der Westen sich in diese Richtung, und die Pandemie hat die Tendenz wohl noch einmal verschärft. Zwischen dem Gott als Menschen und dem Gott als Staat braucht es ein System an Werten und an Institutionen, und wir sollten uns schnell an die Arbeit machen, um diese wieder zu errichten.

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