Das Zentrum der Welt?

Einst galt das Mittelmeer als das Zentrum der zivilisierten Welt, als Heimstätte der großen Kulturen und mächtiger Reiche. Heute wird es allenfalls als Migrationsroute angesehen, als ein Lagerplatz für Erdgas, um welchen man sich streiten kann, und als ein Ort politischer Instabilität. Doch warum ist das heute so, wird sich das noch ändern und was haben Hauptstädte mit alledem zu tun?

Das Mittelmeer, die Frucht der menschlichen Zivilisation

Wenn man sich die politische Landkarte der Mittelmeerregion einmal genauer anschaut, fällt einem zunächst die große Vielfalt an Ländern auf, welche an dieses Meer angrenzen, von den Staaten der Europäischen Union im Norden zu den Kleinstaaten des Balkans, von der Türkei bis Israel, und auch die Länder des Maghreb, eingeengt zwischen Mittelmeer und Sahara. Was auch auffällt ist die große Zahl an Krisenherden, welche unmittelbar an oder kurz hinter der Küste beginnen, der Nahostkonflikt, der Kampf um die Gasfelder des östlichen Mittelmeers, die Sahelzone. Insgesamt ist das Gebiet politisch stark zerstückelt, kaum vorstellbar, dass die Römer einmal alle diese Völker hatten einigen und regieren können.

Damals, wie auch in den Jahrtausenden zuvor und auch noch im darauffolgenden Jahrtausend, galt das Mittelmeer als ein Zentrum der menschlichen Zivilisation. Zunächst war es zwar Mesopotamien, und häufig war es auch das alte Persien, welche als größte und fortschrittlichste Mächte in Erscheinung traten, doch die Mittelmeerregion war stets präsent. Ägypten, Griechenland, Rom, Byzanz, das Weltreich der Osmanen. Die moderne Welt, und zwar sowohl des Abend- wie das Morgenlandes, haben ihre Wurzeln in diesem Raum, in der Politik, der Kunst, und natürlich auch der Religion.

Doch wo ist dieser Einfluss heute? Die großen Mächte der letzten zwei Jahrhunderte, Großbritannien, Russland, das Deutsche Reich, Japan und jetzt China, liegen allesamt nicht am Mittelmeer, lediglich Frankreich hat eine verhältnismäßig kleine Küste im Süden seines Landes, weit entfernt von seiner Hauptstadt. Und damit schneiden wir bereits einen der interessantesten Aspekte des Mittelmeers in der modernen Welt an, die Tatsache, dass fast keiner seiner Anrainerstaaten es für sinnvoll erachtet hat, seine Hauptstadt an der Küste dieses Meeres zu errichten. Im Gegenteil, fast scheint es, alle wollten diese Staaten ihre Hauptstadt möglichst weit entfernt halten von dem Meer, geschützt durch die Landmassen ihrer Länder vor den Invasionen fremder Mächte.

Afrika

Marokko, am südwestlichen Ende des Mittelmeers, hat seine Hauptstadt am Atlantischen Ozean, westlich abgewandt vom Mittelmeer, in Rabat. War das Land unabhängig, hat es seinen Machtbereich seit jeher auf einer Nord-Süd-Achse errichtet, parallel zum Atlantik. Dies wird heute in der Annektion der Westsahara wieder deutlich. Für Marokko scheint das Mittelmeer eine verhältnismäßig ruhige Gegend zu sein, verglichen mit dem stürmischen Atlantik und der unwirtlichen Sahara. Durch die Straße von Gibraltar wirkt es an der entscheidenden Stelle zudem eher wie ein großer Fluss als wie ein echtes Meer. Es ist nicht anzunehmen, dass das Land sich in absehbarer Zukunft auf das Mittelmeer wird konzentrieren.

In Nordafrika folgen nun drei große Flächenstaaten, dessen Hauptstädte allesamt an der Küste des Mittelmeers liegen, Algerien, Tunesien und Libyen. Für diese Staaten hat das Meer eine ungleich größere Bedeutung, sind sie doch eingeschlossen zwischen dem Wasser im Norden und dem Sand im Süden, und ihre Küstenregionen sind die bei weitem fruchtbarsten und dicht besiedelsten Regionen. Ihre Hauptstädte liegen damit sowohl im Zentrum als auch am Tor zur Außenwelt des jeweiligen Landes. Sollte sich die Sicherheitslage im Sahel weiterhin verschlechtern, worauf derzeit alles hindeutet, werden sie wohl noch stärker als bisher den Blick in Richtung Norden richten.

Ägypten ist ein spezieller Fall, war es doch der erste Flächenstaat, welcher an den Küsten des Mittelmeers entstehen konnte. Historisch war ihre Hauptstadt meistens so gelegen, dass das Land gut kontrolliert werden konnte, also meisten an der Schnittstelle zwischen Nildelta und dem Fluss, zwischen Unter- und Oberägypten. Es gab jedoch auch Phasen, in welchen das Land aufs Mittelmeer fokussiert gewesen ist, zuletzt wurde unter Muhammad Ali im 19. Jahrhundert eine solche Phase eingeleitet. Auch wenn Kairo die offizielle Hauptstadt blieb, war Alexandria im Fokus der Wirtschaft und der ausländischen Politik. Angesichts der gerade im Bau befindlichen neuen Hauptstadt des Landes, Neu-Kairo, scheint im Land der Pharaonen jedoch kein Bedürfnis zu bestehen, den Schwerpunkt auf das Mittelmeer zu richten.

Der Nahe Osten

Israel ist wohl eines der eindrücklichsten Beispiele dafür, wie ein Staat versucht, mit allen Mitteln seine Hauptstadt von der Küste zu entfernen, ist das Land doch seit Jahrzehnten bemüht, Jerusalem als offizielle Hauptstadt anerkennen zu lassen. Auch wenn dies vordergründig religiöse Ursachen hat, so ist die Stadt doch nicht zufällig zur wichtigsten des Judentums geworden, lässt sich von hier aus doch am besten sowohl die Küste als auch das Jordantal kontrollieren.

Auch in der nördlichen Levante liegt die alles dominierende Stadt eine in der Übergangsregion zwischen Meer und Wüste, nämlich Damaskus. Dass Beirut heute eine Hauptstadt ist, liegt vor allem an den Franzosen, welche einen unabhängigen Libanon errichten wollten, welcher daher von Syrien abgespalten wurde. Auch hier, in Syrien, wird die Kontrolle über ein bestimmtes Landgebiet als wichtiger erachtet als der Zugang zum Meer, und das ist, wie auch in Israel, bereits seit Jahrhunderten der Fall, seit es Flächenstaaten in der Region gegeben hat.

Die Türkei ist ein besonderer Fall, immerhin ist Istanbul seit Jahrhunderten die größte und einflussreichste Stadt im gesamten östlichen Mittelmeerraum und dennoch keine Hauptstadt mehr. Den Status verloren hat sie bei der Einrichtung der neuen Republik Türkei, welche sich von dem erdrückenden Erbe des Osmanischen Reiches emanzipieren wollte. Immerhin hat das Reich über Jahrhunderte die Weltgeschichte entscheidend mit beeinflusst. Heute liegt das politische Zentrum in Ankara, mitten in der Hochebene von Anatolien, weit entfernt vom Meer. Jedoch muss dieser Zustand nicht so bleiben. Heute betreibt die Türkei eine expansionistische Außenpolitik, und in dem Moment, in dem der Balkan wieder in den Blick der Weltpolitik rückt, wird sich auch das Gewicht innerhalb des Landes Richtung Westen verschieben, so dass Istanbul nicht mehr am Rande der türkischen Einflusszone verbleiben muss.

Europa

Griechenland wiederum ist das Land, welches die längste Küste mit dem Mittelmeer besitzt, aufgrund der vielen Inseln und Einbuchtungen an den Küsten. Kurz gesagt, die Geographie des Landes lässt es fast gar nicht zu, keine Hauptstadt am Wasser zu besitzen. Erstaunlicherweise hat Zypern wiederum eine Hauptstadt mitten auf der Insel, Nikosia, welche sogar beiden Teilen des gespaltenen Landes in dieser Funktion dient. Und auch weiter nördlich, an der Adria, entschieden sich sowohl Albanien, Montenegro als auch Kroatien dafür, ihren Fokus auf das Landesinnere zu legen. Insbesondere in der Adria ist das erstaunlich, waren hier doch stets die großen Handelsstädte und kleine Stadtstaaten, Venedig, Split, Dubrovnik, Zadar oder Triest. Heute spielt hier der Tourismus eine weitaus wichtigere Rolle als der Handel.

An den Küsten Westeuropas wird dies sogar nochmal deutlicher. Rom, Madrid, Paris, sie alle dienen einem großen Nationalstaat als zentrale Organisationsstelle, und so ist auch ihre Lage, wobei Rom mittlerweile immerhin bis an die Küste hin gewachsen ist. Ansonsten sieht man sie nicht mehr als den zentralen Aspekt des jeweiligen Landes an, in Italien ist praktisch der gesamte Süden in einer untergeordneten Stellung dem Norden gegenüber, welcher seit Jahrhunderten den Handel mit den Gebieten nördlich der Alpen anvisiert. Spanien hingegen ist primär darum bemüht, den Großteil der Iberischen Halbinsel unter Kontrolle zu halten. Angesichts der vielfältigen unterschiedlichen Regionen und Unabhängigkeitsbewegungen insbesondere in Katalonien und dem Baskenland ist dies keine leichte Aufgabe. In Frankreich, dem wohl ersten Staat, welcher sich als eine moderne „Nation“ verstand, ist seit langem praktisch alles auf Paris ausgerichtet, welches näher an den politischen und vor allem auch wirtschaftlichen Zentren Westeuropas gelegen ist. Der Rhein ist für Frankreich in mancher Hinsicht bedeutender als das Mittelmeer, obwohl er nur einen relativ kurzen Abschnitt der Landesgrenze streift.

Wie könnte es sonst noch aussehen?

All dies verweist auf eine tiefere Ursache. Nachdem die italienischen Stadtstaaten im Spätmittelalter noch erheblichen Einfluss ausüben konnten im Mittelmeerraum, inbesondere im Osten, kontrollierten sie den Handel zwischen dem europäischen Kontinent und Asien. Das Byzantinische Reich war zu dieser Zeit zwar schon geschwächt, in vielerlei Hinsicht jedoch immer noch das führende Staatswesen Europas. Doch wurde dieser Zustand im Laufe der Zeit immer stärker unter Druck gesetzt. Zum einen kollabierte das Byzantinische Reich zusehends (auch Dank des 5. Kreuzzugs, bei welchen insbesondere Venedig der Stadt schweren Schaden zugefügt hat), und das Osmanische Reich konnte seine Einflusssphäre in der gesamten Region ausweiten, was die Position der italienischen Stadtstaaten zusehends schwächte. Um nicht abhängig zu sein von dieser Macht und eigene Quellen für die begehrten Waren aus Asien zu finden, begannen zunächst die Portugiesen und dann die Spanier, nach alternativen Routen zu dem riesigen Kontinent zu suchen.

Kolumbus fand zufällig den Weg nach Amerika und Vasco da Gama gelang die Umschiffung Afrikas und damit ein Zugang nach Indien. Das atlantische Zeitalter hatte begonnen.

Zunächst die Spanien, später die Portugiesen und vor allem die Briten bauten ihre Positionen und den Handel mit der Neuen Welt aus, später wurden die USA zum wichtigsten Handelspartner Europas und die gesamte Region zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Welt. Zudem gelang es den europäischen Mächten im 19. Jahrhundert, angesichts der Schwäche der Osmanen und durch den Bau des Suez-Kanals, erstmals die Oberhoheit über die Wasser- und Landstraßen zwischen Mittelmeer und Zentralasien zu erlangen. In dieser Konstellation der Stärke, mit dem Atlantik als dem wichtigsten Wasserweg bei gleichzeitiger Kontrolle des Suez-Kanals, erreichte die westliche Welt den Höhepunkt ihrer Macht.

Doch sie neigt sich ihrem Ende zu. Militärische Niederlagen in den letzten zwei Jahrzehnten, der wirtschaftliche Aufschwung Asiens und mittlerweile auch die Konkurrenz durch verschiedene Staaten über die Kontrolle der Seewege, insbesondere durch China im Westpazifik, der Türkei im östlichen Mittelmeer sowie des Iran in der Golfregion, haben die Position der westlichen Staaten und ihrer Führungsmacht USA erhebliche Schäden zugefügt. Die eigenen Schwächen tun dabei ihr Übriges. So sehen wir heute das Ende eben jenes atlantischen Zeitalter, der Indo-Pazifik wird zukünftig sowohl das Zentrum als auch das Schlachtfeld sein, auf welchem über die Zukunft der Menschheit entschieden wird.

Und was bedeutet das für den Mittelmeerraum?

Obwohl der indo-pazifische Raum wohl der bedeutendste sein wird, wird auch das Mittelmeer bald eine Renaissance erleben. Da der Handel zwischen Asien und Europa, mit der Europäischen Union als größtem Markt der Welt, aber auch derjenige zwischen Europa und Afrika über das Mittelmeer oder die umliegenden Länder stattfinden muss, werden einige dieser Staaten mit Sicherheit davon profitieren können. Derzeit versuchen insbesondere die Türkei und der Iran, diese strategische Ausgangslage für sich zu nutzen und die Handelsrouten zu kontrollieren. Aber auch Länder wie Marokko, Ägypten und Israel haben eine gute Position. Auf europäischer Seite werden insbesondere Griechenland und Italien an jene Epochen ihrer Geschichte anknüpfen, in welcher sie Mittler gewesen sind zwischen den europäischen und den asiatischen bzw. afrikanischen Kulturkreisen.

Und die Hauptstädte?

Solange große Flächenstaaten an den Mittelmeerküsten existieren, werden auch deren Hauptstädte so gelegen sein, dass sie eine zentrale Position in ihnen einnehmen. Dazu müssen sie im Inland liegen.

Interessanter ist die Frage, ob sich nicht neue Formen von Imperien, insbesondere durch die Türkei und den Iran, oder neue Formen halbautonomer Stadtstaaten entwickeln könnten. Insbesondere im östlichen Mittelmeerraum gibt es dafür einige Kandidaten, etwa die südlibanesischen Küstenstädte, welche unter der Kontrolle der Hizbollah stehen. Unter solchen Umständen könnten die alten Handelsstädte wieder die Stellung genießen, welche sie einst inne hielten, und das Mittelmeer wieder zu jenem Ort werden, an welchem sich die Menschheit trifft und der uns alle wieder tief beeindruckt.

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